Es ist mehr als selten, dass ein praktizierender Verteidiger die Feder des Gesetzgebers führt. Professor Dr. Ulrich Sommer darf sich mit der Ehre schmücken, den entscheidenden Anstoß für eine Änderung des Paragraphen 329 StPO bewirkt zu haben.  Nachdem er im Fall Neziraj gegen Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg einen Sieg errungen und die Menschenrichter Deutschland verurteilt hatten, sah sich der Bundestag in Berlin zum Handeln gezwungen.  Seit dem 24.7.2015 existiert der häufig praktizierte Paragraph 329 StPO nicht mehr in seiner traditionellen Form. Hatte ein Angeklagter gegen eine Verurteilung des Amtsgerichts Berufung eingelegt, so konnte in der Berufungsinstanz sein Rechtsmittel ohne viel Federlesens verworfen werden, wenn er nicht persönlich erschien. Professor Dr. Ulrich Sommer hielt dies für konventionswidrig, falls ein Verteidiger im Gerichtssaal anwesend ist. Denn jeder Angeklagte hat nach Art.6 Abs.3 MRK das Recht, sich durch einen Anwalt verteidigen zu lassen. Straßburg hatte ihm Recht gegeben, und die neue Fassung des Gesetzes sieht nunmehr vor, dass unter bestimmten Bedingungen der abwesende Angeklagte in der Berufungsinstanz sich durch seinen Verteidiger vertreten lassen kann. Strafrechtler sind gespannt, wie die Praxis mit dieser Novität umgehen wird. (Bundesgesetzblatt Jahrgang 2015 Teil I Nr. 31, ausgegeben zu Bonn am 24. Juli 2015).

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